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Leben - Reloaded - Wie ich durch Yoga im Knast die Freiheit entdeckte
Seit der Lesung und Yogastunde von Dieter Gurkasch in meinem Atelier ist zwar schon einige Zeit verstrichen (s. Flyer), aber das Thema bleibt sowohl persönlich wie gesellschaftlich aktuell - und Dieter mein Yogi-Freund. Diesen ganz speziellen Friedensboten, Yogalehrer und Lebensberater aus Hamburg lernte ich 2011 aufgrund meiner Yoga-Lehrtätigkeit von 1998 - 2005 in der StrafvollzugsAnstalt Regensdorf und meiner im Jahr 2004 entstandenen BilderGeschichten Diesseits von Gut und Böse persönlich kennen: Sein (ebenfalls Yoga übender) Seelsorger kontaktierte mich anfangs 2011 telefonisch. Im September traf ich die beiden in der StrafvollzugsAnstalt Fuhlsbüttel, Hamburg. Dem Langzeit-Insassen Dieter drohte nach insgesamt 25 Jahren Gefängnis nun auch noch die Verwahrung. Es sollte jedoch ganz anders kommen...

Hier mein kleiner Erfahrungs- und Empfehlungsbericht, den ich 2011 für ihn verfassen durfte. Kurz darauf wurde er zu meiner grossen Freude entlassen - als Yogi. (Was ihm die zuständigen Instanzen damals natürlich noch nicht abnahmen.)

Dieter Gurkasch ist inzwischen ein (berühmtberüchtigter und) gefragter Mann... Er hat u.a. auch in der Schweiz die Initiative ergriffen für die Gründung des Vereins YuMiG (Yoga und Meditation im Gefängnis).

 

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"It's good to be strong"

Im nachfolgenden Artikel, der im Sommer 2000 auf englisch in der Fachzeitschrift YOGALife erschien, beschreibe ich meine Erfahrungen und Reflexionen meiner damaligen Unterrichtserfahrungen in der kantonalen Strafanstalt Pöschwies, Regensdorf. Inzwischen habe ich – nach 7 Jahren – meine Unterrichtstätigkeit im Gefängnis arbeits- und zeitbedingt sistiert. Nachzutragen wäre, dass sich in den letzten Jahren die Haftbedingungen verschlechtert und der Druck auf das Vollzugspersonal vergrössert haben. Dass deshalb das interne Klima in mancherlei Beziehung angespannter ist. Und dass dies alles verursacht wurde durch die rigorosen Sparmassnahmen des Kantons und den raueren bis reaktionären Wind ‚draussen’ in Politik und Gesellschaft in Sachen Strafen (Stichwort Verwahrungsinitiative). Das Gefängnis beherbergt jetzt mehr Gefangene als ursprünglich vorgesehen, und viele wichtige Angebote für die Inhaftierten - auch im Bereich Therapie, Freizeit und Weiterbildung – mussten reduziert oder gar ganz gestrichen werden. Yoga im Pöschwies wird aber weiterhin vermittelt.

 
 
   
 
   
 
 


"It's good to be strong..."

...antwortet John auf meine Frage, weshalb er im Kraftraum 150 Kilos stemmen kann und noch mehr erreichen will - mittels diszipliniertem Krafttraining. Yoga betreibt er, glaube ich, vor allem um seine Muskeln geschmeidig zu halten. Ausserdem gefallen ihm die Asanas und das gesungene"Om Shanti". Er wirkt sehr ruhig und sicher. John ist ein guter Yogaschüler und kerngesund. Nicht so seine Kollegen in der momentanen Gruppe. Ali hat trotz seiner Jugendlichkeit bereits schwerwiegende Knieprobleme. Pele leidet unter Poliarthritis und dem Basedowschen Syndrom. Willi ist gefährlich übergewichtig und nimmt starke Medikamente gegen Bluthochdruck. Ahmed hat chronische Rückenschmerzen, Tahar ist zwar athletisch gebaut und sehr beweglich, aber ein Bein ist durch alte Schussverletzungen behindert, ausserdem ist er sehr nervös, wirkt wie ein gehetztes Wild und hat extreme Schlafstörungen. Alexej ist jung und gesund, aber unter seinem Muskelpanzer (auch er betreibt, wie fast alle Insassen, Krafttraining) steif und verkrampft, als ob sich die Angst in sein Fleisch verkrallt hätte.

Von diesen eingeschriebenen sieben Yogateilnehmern sind heute nur vier erschienen; zwei entschuldigt, einer unentschuldigt. Gründe gibt es immer reichlich, doch ich erfahre sie nicht immer: Krankheiten und zahlreiche Verletzungen durch Sport oder Krafttraining sind die häufigsten, dann kommen Trägheit, Depressionen oder starke emotionalen Belastungen, manchmal ein konkurrenzierendes TV- oder Kursprogramm, ab und zu Arrestierung in Isolationszellen wegen interner Schlägereien oder anderer gravierender Vergehen gegen die Gefängnisordnung, nicht zuletzt auch Versetzungen in andere Strafanstalten oder Austritte. Ausserdem ist Yoga für die meisten ein unbekanntes Exotikum, das etwas fremd und zusammenhangslos im sonstigen Gefängnisalltag dasteht, der geprägt ist von einem dichten Arbeitsstundenplan und ein paar Randstunden, in denen mann sich meist mit Sport und Spiel die Zeit vertreibt. Oder mit dem TV, der in fast jeder Zelle steht (Miete auf eigene Kosten). Einer kontinuierlichen Yogapraxis stehen also einige Hindernisse im Weg, und es gibt viel mehr Wechsel in der Gruppenzusammenstellung, als ich dies in einem Gefängnis je erwartet hätte.


Team Teaching

Zurück zur Yogastunde: Nachdem wir alle die volle Yogaatmung geübt haben - Pranayamas wie Kapala Bhati oder Anuloma Viloma liegen nicht drin, da die Männer vor einer Stunde ihr Abendessen einnahmen - fange ich mit dreien den Sonnengruss an. Carlo, mein "Assistent" und Yogalehrergefährte macht derweil mit Willi spezielle Atemübungen gegen seinen Bluthochdruck. Für den weiteren Verlauf der Stunde sehe ich jeweils ein paar Asanas samt Vorübungen aus der Rishikesh-Serie vor, immer im Bewusstsein, dass die Männer möglicherweise einen mehr oder weniger vollen Bauch haben. (Ich bitte sie natürlich jeweils, auf dieses eine Nachtessen zu verzichten - nachher gibts nichts mehr - aber ob das immer allen gelingt ...?). Carlo (oder bei Rollentausch ich) beobachtet aus dem Hintergrund und korrigiert, unterstützt oder erklärt falls nötig auf Italienisch. Manchmal sind die Ausführungen oder Details einer Position nur schwer sprachlich zu vermitteln, da viele Teilnehmer entweder nur mangelhaft oder gar nicht Deutsch sprechen, ab und zu Englisch, eher selten Italienisch, Spanisch, Französisch; viele sprechen eine Sprache aus dem Balkan und dem Nahen Osten oder Arabisch, Russisch, Chinesisch uam. (der Ausländer-Anteil beträgt über 70 %).

Wenn ich mit den Asanas nicht zu viel Zeit verbracht habe, was manchmal in der Bemühung, genau zu zeigen und zu erklären und dann auch noch richtig zu üben, durchaus geschehen kann, schliesse ich die Stunde mit einer weiteren Atemübung oder einer Meditation ab. Manchmal reicht es allerdings nur für eine ausgedehnte Endentspannung (Savasana), was die Männer immer mir grosser Hingabe "machen"(ihre liebste Stellung). Nach der Stunde wirken sie gelöster, entspannter, zufrieden. So auch wir. Umso grösser dann die Enttäuschung, wenn nächstes Mal wieder dieser oder jener fehlt. Zum Glück gibt es immer einen "harten Kern", auf den ich zählen kann.
Ich bin froh, dass Carlo dabei ist. Zu unserer Zusammenarbeit kam es übrigens eher zufällig: Nachdem ich mich runde zwei Jahre um Zugang in ein Schweizer Gefängnis bemüht und dann endlich eine Zusage hatte, tauchte wie aus dem Nichts Carlo auf, als "Konkurrent" sozusagen. Nach unserer ersten Kontaktnahme waren wir uns hingegen schnell einig, uns in diesem Projekt gegenseitig zu unterstützen. Da Carlo beruflich sehr engagiert und als Yogalehrer noch in Ausbildung ist, ernannten wir mich zur "Hauptlehrerin" und ihn zum "Assistenten und Stellvertreter". Bis jetzt hat sich das bewährt. Nicht nur können wir die jeweilige Lektion nachbesprechen und uns gegenseitig ein Feedback geben, sondern auch die Tatsache, dass wir diese Aufgabe partnerschaftlich wahrnehmen, hat auf den Unterricht eine wohltuend ausgleichende Wirkung.


It's not Easy

Schon aus dieser kurzen Beschreibung geht sicherlich hervor, dass der Yogaunterricht im Gefängnis kein einfaches Unterfangen ist. Solange Yoga als Freizeit- und Weiterbildungsangebot - und dieses ist recht gross – etwas unverbindlich untergebracht ist, werden die Schwierigkeiten auch solcherart bleiben. Wir werden uns daher einerseits vermehrt an die Langzeitinsassen zu wenden versuchen, die - aus Resignation? - an gar nichts teilnehmen, sondern sich sofort nach dem obligatorischen Arbeitspensum in ihre Einzelzellen zurückziehen, obwohl auch ihre Türen bis acht Uhr abends geöffnet sind. Andererseits wären wir sehr glücklich, wenn Yoga von den zuständigen Instanzen als ein langfristig garantiert wirkungsvolles und erst noch billiges Therapiesystem anerkannt würde und - in Zusammenarbeit mit Arzt und Psychotherapeuten

- in das feste Therapieangebot aufgenommen werden könnte. Da es sich um ein fortschrittliches Gefängnis handelt, ist eine Entwicklung in diese Richtung immerhin denkbar, allerdings ist das politische Klima draussen sehr rauh und der neoliberale Spareifer gross (Die Schweizer Gefängnisse sind staatliche Institutionen).
Mein Engagement für Yoga im Gefängnis ist ungebrochen, wenn auch mein anfänglicher Enthusiasmus und Idealismus (ich unterrichte jetzt seit etwas mehr als einem Jahr) etwas in die Schranken verwiesen worden sind.


Tihar, ein indisches Gefängniswunder

Anlässlich meiner letzten Indienreise 1998 traf ich mich mit der rund-um-die-Uhr-beschäftigten Polizeioffizierin Dr. Kiran Bedi in Delhi. Kiran Bedi war von 1993 - 1995 Leiterin des stadtgrössten Gefängnisses "Tihar", das über 9'000 Insassen unter misslichsten Bedingungen eingesperrt hielt. Innert wenigen Monaten gelang es ihr jedoch, diese Stätte des Elends in einen Prison-Ashram, also im wörtlichen Sinn in eine Art geschlossene Gefängnis-Klosterschule zu verwandeln (nachzulesen in ihrer eindrücklichen Biografie "I Dare"). Yoga und Meditation waren ein selbstverständlicher Bestandteil der Gefängniskultur und individuellen Heilung (für die meisten Insassen dort war das genau so neu und fremd wie hier!). Delikte, also ein Ver-Brechen der Gesetze sowie Drogenmissbrauch wurden nun in erster Linie als Folge von seelischer Krankheit, Schwäche oder Verletzung gesehen, erst in zweiter Linie - aber natürlich auch - als Folge von sozialer Benachteiligung, Misshandlung und Ungerechtigkeit. Kiran Bedis Knastrevolution verlieh ihr internationale Bekanntheit und zahlreiche - auch europäische - Ehrungen, bescherte ihr aber auch einflussreiche Neider, weshalb sie schon nach zwei Jahren als Opfer politischer Intrigen fristlos ihres Amtes enthoben wurde...
Nun ist sie zwar erneut in verantwortungsvoller Stellung und wieder unerschrockene Kämpferin für die ärmste Bevölkerungsschicht in den Slums von Delhi.

Das Tihar-Gefängnis funktionierte wieder nach alter Abschreckungs-Manier; immerhin: die Meditationen werden noch durchgeführt. Das für alle heilsame, weil zutiefst menschliche Ashram-Projekt (auch für das Personal) stand und fiel jedoch mit dem  charismatischen, pausenlosen Einsatz von Kiran Bedi.
Auch in Amerika und in England gibt es beherzte Mitmenschen und mehrere Organisationen auf privater Basis, die sich seit vielen Jahren mit viel Einsatz und Erfolg um die Gefangenen kümmern und ihnen mittels Yoga und Meditation eine Hilfe bieten, damit ihre abzusitzende Zeit keine verlorene sondern eine kostbare werde, eine Zeit der Konzentration und Einsicht, der Vergebung und des inneren Reifens.
Hier in der Schweiz sind Hilfestellungen mittels Yoga und Meditation nur in Kleinstansätzen vorzufinden. In lediglich zwei weiteren Gefängnissen findet Yogaunterricht statt, und eine welsche Organisation verschenkt Bo Lozoffs Buch "We Are All Doing Time" auf französisch an Inhaftierte - eine Übersetzung auf Deutsch existiert nicht. In "meinem" Gefängnis war bis vor kurzem eine Zen-Meditationsgruppe, noch früher eine Autogene Trainingsgruppe im Abendkurs-Angebot über Jahre aktiv, musste dann aber mangels genügender Teilnahme eingestellt werden. Dasselbe Schicksal könnte auch dem Yoga-Kurs beschieden sein....


Verschiedene Konzepte

Das hiesige Gefängnis setzt vor allem auf Resozialisierung durch disziplinierte und qualifizierte Arbeit,  wo nötig oder möglich auf individuelle Aus- und Weiterbildung, auf Hygiene und Sicherheit, physisches Wohlbefinden und eine Möglichkeit zum "Dampf ablassen" in der Freizeit mittels Sport. Es leistet in dieser Hinsicht denn auch Vorbildliches: helle, saubere Räume, hochtechnologisch gesicherte Gebäude und Aussenräume, damit die Insassen sich während des Tags innerhalb ihrer Zonen fast frei bewegen können, gute Ernährung, geschultes Personal, medizinische, soziale, therapeutische und seelsorgerische Dienste, moderne Arbeitswerkstätten, differenzierter Strafvollzug je nach Delikt .... vielleicht ist alles sogar ein bisschen zu perfekt... Ausserdem leben die Häftlinge in Wohneinheiten, und jede Zellentüre (Einzelzellen) wird erst um 20.00 abgeschlossen und morgens um 6.15 wieder geöffnet. Klingt alles wunderbar, aber es ist halt doch ein Gefängnis, und niemand ist freiwillig drinn, was bestimmt der Hauptgrund ist, weshalb hier niemand so recht glücklich werden kann.

Mein Gefängnis - eine kühne und überraschende Vorstellung - sähe ähnlich und doch grundlegend anders aus, auch wenn die äusseren Eingriffe nur minimale wären. Sie würden jedoch bewirken, dass nicht nur die umschliessenden Mauern das allen Insassen und Angestellten Gemeinsame wären.....
Was m.E. fehlt, ist ein gemeinsamer "guter Geist", um aus dieser fast schon vorbildlichen Strafanstalt einen Ort der echten Resozialisierung und Integration, der inneren Heilung und Freiheitsfindung zu machen. Dies würde allerdings voraussetzen, dass einer seelisch-geistigen Entwicklung genauso viel Gewicht beigemessen würde wie der sozialen Kompetenzerweiterung durch Arbeit und Bildung. Und die gesamte Gefängnisorganisation müsste davon betroffen sein, also auch jene des Personals. Der Tagesablauf und die Wochenenden müssten dafür nur leicht abgeändert werden. Zum Vergleich eine Aufstellung:

jetziger Tagesablauf möglicher Tagesablauf
06.15 Wecken, Türenaufschliessen 06.00 Wecken, Türenaufschliessen
06.30 Frühstück im Gruppenraum 06.15 Meditation in der Wohngruppe
    06.50 Frühstück im Gruppenraum
07.30 Arbeitsbeginn/Schulung bis 11.40 07.30 Arbeitsbeginn/Schulung
11.55 Mittagessen mit der Wohngruppe 11.55 Mittagessen
13.45 Arbeit/Schulung bis 16.30 13.30 Arbeit/Schulung
16.40 Abendessen im Gruppenraum 16.30 Teepause
17.40 Abendkurse/Sport 17.00 Abendkurse/Sport
    19.00 Abendessen im Gruppenraum
20.00 Einschluss in die Zellen 20.00 Einschluss in die Zellen

Die zeitlichen Eingriffe wären also minimal. Die allmorgendliche, gemeinsame, konfessionsunabhängige Meditation, liebevoll und sachlich angeleitet von einem kundigen Betreuer (später auch alternierend von Insassen) und ev. begleitet/unterstützt von einem "meisterlichen" Tonband, würde schon bald zu einer neuen Selbstverständlichkeit im Tagesbeginn und dem erwähnten ‚guten Geist’ einen Boden bereiten. Die Mittagspause würde leicht verkürzt, damit der Nachmittagsarbeitsblock um 16.20 beendet werden könnte. Die Tee- und Obstpause um 16.30 sollte die Männer erfrischen und ihnen nochmals Elan geben für Sport, musische Fächer, Weiterbildung und/oder Yoga, mit leichtem Kopf und Magen. Das Abendessen sollte einfach sein (Suppen, Salate, Brot, u.ä.), nicht zuletzt auch deswegen, damit die Küchenmannschaft das Mahl jeweils während der allgemeinen Arbeitszeit vorbereiten und dann ebenfalls ungehindert von den Freizeit- und Bildungsangeboten Gebrauch machen könnte.
Yoga und artverwandte, meditative, körperbezogene Disziplinen wie Tai Chi, Aikido, Qi Gong sowie Einführungskurse in die Kunst des Meditierens sollten im regelmässigen Kursangebot sein (auch für das Personal!), als sinnvolle Ergänzung zu den morgendlichen Meditationen. Im Verlaufe einer Jahresfrist könnte so ein neuer Geist in die Mauern einziehen, der sowohl den Inhaftierten wie auch den Gefängnismitarbeitern helfen könnte, die Pein und Last des Freiheitsentzugs zu lindern oder gar zu verwandeln.

Auch würde ich eine vermehrte Anleitung zu lustvollen, gemeinschafts- und geschicklichkeitsfördernden Spielen begrüssen, wo es nicht primär ums Siegen und um die gängigen Klisches von Männlichkeit geht. Denn die üblichen Mannschaftskampfspiele wie zB Fussball führen immer wieder zu Streit, Aufheizung aggressiver Emotionen, Körperverletzungen - wie draussen. (Was natürlich nicht heisst, dass ich solche Spiele verbieten, sondern lediglich durch die anderen Angebote weniger attraktiv zu machen versuchen würde. Dasselbe gälte für den maschinenbewehrten Kraftraum.)
An den arbeits- und kursfreien Wochenenden, wo die Insassen einen Grossteil ihrer Zeit allein in den Zellen verbringen müssen, würde ich gelegentliche gemeinsame Intensiv-Meditationen mit erfahrenen, wirklichen Meistern veranstalten. (Das Problem mit den vielen Sprachen liesse sich wahrscheinlich lösen durch Simultanübersetzungen von sprachkundigen Mitgefangenen.) So könnte mit der Zeit ein gemeinsames Bewusstsein entstehen für das gemeinsame Schicksal, hier zu sein, eingesperrt und ausgeschlossen, jeder ein Mensch mit seiner je eigenen Geschichte, mit seinen Schwächen und Stärken und seiner Fähigkeit zu lernen, zu lieben und zu verzeihen.


It's good to be strong

Ja, John hat recht. Nur, welche Stärken gewann er in der Gefangenschaft? Werden sie ihm helfen, sein Leben nun straffrei zu führen, stark zu sein auch in schweren Zeiten? Wird er Arbeit, ein Einkommen finden, und was, wenn nicht? John wirkt ruhig, ernst und hoffnungsvoll.

Dennoch betrachtet er die vier abgesessenen Jahre als verlorene. In einem Gefängnis-Ashram hätte er dies vielleicht anders erleben können, wer weiss. - Inzwischen ist er in Freiheit, des Landes verwiesen. Ich frage mich, wie es ihm jetzt ergeht. Er wird mir schreiben, hat er versprochen.



Gerda Tobler, im Oktober 1999